Mord in der Pension Möwennest

Dreißig Jahre im Kloster. Ein neues Leben mit 57 Jahren. Ein verschlafenes Küstenstädtchen. Und eine verschwundene Nonne. Das ist Nora Breens Leben im Jahr 1954.

Nach Jahrzehnten als Schwester Agnes legt sie den Schleier ab und kehrt zu ihrem alten Namen zurück. Ihr Weg führt sie in das englische Küstenstädtchen Gore-on-Sea in Kent, wo ihre ehemalige Novizin Frieda Brogan spurlos verschwunden ist. Friedas Briefe, die Nora Woche für Woche erreichten, sind plötzlich verstummt - ausgerechnet nachdem sie angekündigt hatte, den Geheimnissen der Pension Möwennest auf den Grund zu gehen.

Nora quartiert sich kurzerhand selbst in der Pension ein und übernimmt Friedas ehemaliges Zimmer. Die Bewohner:innen des Möwennests wirken höflich, aber verschlossen. Jeder scheint etwas zu verbergen. Als schließlich einer der Gäste nach einer vergifteten Tasse Kaffee tot aufgefunden wird und die Polizei den Fall vorschnell als Suizid einstuft, beschließt Nora, selbst Nachforschungen anzustellen.

Mit wachem Blick beobachtete Nora die Menschen um sich herum. Jahrzehnte im Kloster hatten sie gelehrt, zuzuhören, zu warten und zwischen den Zeilen zu lesen - Fähigkeiten, die ihr nun mehr nützten als jeder Polizeiausweis.

Fortan beginnt ein klassischer Whodunit, bei dem nicht Verfolgungsjagden oder spektakuläre Wendungen im Vordergrund stehen, sondern die Menschen selbst. Nora begegnet skurrilen Figuren und einem Detective Inspector, dessen Einschätzungen sie nicht immer teilt. Gerade ihre ruhige, kluge Art macht sie zu einer außergewöhnlichen Ermittlerin. Sie urteilt selten vorschnell und begegnet selbst den Verdächtigen mit Mitgefühl.

Dabei lebt der Roman vor allem von seiner Atmosphäre. Das windige Küstenstädtchen, die leicht heruntergekommene Pension und das Nachkriegsengland bilden eine Kulisse, in der Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verwoben sind. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Krieg, Verlust und persönliche Schicksalsschläge das Leben der Figuren geprägt haben.

Nicht jede Wahrheit liegt offen zutage. Manche verbirgt sich hinter Freundlichkeit, manche hinter Schweigen.

Jess Kidd erzählt ihren historischen Kriminalroman mit feinem Humor, einem sicheren Gespür für Dialoge und viel Liebe zu ihren Figuren. Nora Breen ist keine klassische Detektivin, sondern eine Frau, die nach einem halben Leben im Kloster ihren Platz in der Welt neu finden muss und manchmal ein wenig an Agatha Christies Miss Marple erinnert. Gerade diese persönliche Entwicklung verleiht der Geschichte neben der Krimihandlung zusätzliche Tiefe.

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