Meeresdunkel
Eigentlich beginnt alles mit einer Panne.
Henrike, Hans, Onkel Freddy und die Zwillinge freuen sich auf eine Woche Auszeit in einer abgelegenen Finca am Meer. Die letzten Sommertage genießen, den Alltag hinter sich lassen und vielleicht als Familie wieder näher zusammenfinden. Doch als sie ankommen, wartet bereits eine zweite Familie vor dem Ferienhaus. Eine Doppelbuchung. Weil auf der Insel keine andere Unterkunft mehr frei ist, beschließen beide Familien notgedrungen, das großzügige Anwesen gemeinsam zu nutzen.
Zunächst scheint das überraschend gut zu funktionieren. Man arrangiert sich, isst zusammen und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Doch unter der höflichen Oberfläche wachsen Misstrauen und Anspannung. Die Finca selbst trägt ihren Teil dazu bei: Der Pool ist leer, das Gebäude wirkt verlassen und an vielen Stellen dem Verfall überlassen. Über allem liegt das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.
Als einer der Urlauber tot aufgefunden wird, kippt die Stimmung endgültig. Ein aufziehender Sturm schneidet die Finca von der Außenwelt ab, Verdächtigungen machen die Runde und aus Fremden werden Menschen mit gemeinsamen Geheimnissen. Nach und nach wird deutlich, dass die Doppelbelegung kein Zufall gewesen sein könnte. Jemand hatte einen Plan - und längst nicht alle erzählen die Wahrheit über ihre Vergangenheit.
Während die Handlung zwischen den Mitgliedern beider Familien wechselt, setzt Autor und Glauser-Preisträger Till Raether das Puzzle Stück für Stück zusammen. Alte Verletzungen, verdrängte Schuld und lange verborgene Verbindungen treten ans Licht. Immer wieder verändert eine neue Information den Blick auf die Ereignisse, sodass sich die Geschichte in eine Richtung entwickelt, die lange nicht vorhersehbar ist.
Besonders gelungen ist dabei die Mischung aus psychologischer Spannung und dichter Atmosphäre. Die sommerliche Inselkulisse bildet einen reizvollen Kontrast zu den immer dunkleren Ereignissen, während die Figuren mit ihren Konflikten und Geheimnissen die eigentlichen Träger der Spannung bleiben. So entwickelt sich Meeresdunkel weniger zu einem klassischen Thriller als zu einem raffiniert konstruierten Kammerspiel, dessen Auflösung überrascht und gleichzeitig konsequent erscheint.
Till Raether gelint ein psychologischer Krimi, der seine Geschichte ruhig, aber äußerst packend erzählt. Statt auf spektakuläre Action setzt er auf vielschichtige Figuren, eine beklemmende Atmosphäre und einen Plot, der seine Geheimnisse erst nach und nach preisgibt – bis am Ende alle Fäden überzeugend zusammenlaufen.
Empfohlen von Lea