Verkaufte Zukunft

„Seit Jahrzehnten wissen wir um die Erderwärmung und ihre Gefährlichkeit. Dennoch nehmen die globalen Treibhausgasemissionen weiter zu. Offenbar gelingt es uns nicht, den Klimawandel zu stoppen. Wie lässt sich dieses Versagen erklären? Warum reagieren Gesellschaften so zögerlich auf diese Bedrohung?“ 

So führt der Klappentext des Buches in das Thema ein, auf dessen Fragen der Autor Jens Beckert, Soziologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, über viele Kapitel eine Antwort zu geben versucht. 

Fast jeder kennt mittlerweile die Kurven der Treibhausgasemissionen im Zeitverlauf und wie weit die aktuell – unter den bislang umgesetzten politischen Maßnahmen – prognostizierte Zukunftskurve von dem in Paris 2015 geforderten 1,5- bzw. 2-Grad-Pfad abweicht. 
Beckert sieht diese Diskrepanz in den Grundstrukturen unserer „kapitalistischen Moderne“ verankert, die eine Gesellschaft geformt hat, die auf Wachstum, Ressourcenextraktion und individuelle Autonomie programmiert ist. Unverzichtbar für die Reichtumsentwicklung der kapitalistischen Moderne sei insbesondere die immense Ausweitung der Nutzung fossiler Energiequellen gewesen, die aktuell trotz des zunehmenden Ausbaus erneuerbarer Energien weltweit immer noch 75% des Energieverbrauchs ausmacht. Laut Beckert bleibt die Nutzung fossiler Energien auch weiterhin – trotz aller verursachter ökologischer Schäden – „rein wirtschaftlich gewinnbringend“, da die Kosten der Naturzerstörung aus den Investitionsrechnungen der Unternehmen herausgehalten werden können.

Und solange sich die negativen Umweltfolgen wirtschaftlicher Aktivitäten nicht in Preisen widerspiegeln, verfüge die Wirtschaft über keinerlei Sensorium für die von ihr angerichteten Zerstörungen. Der Klimawandel könne als „das größte Marktversagen aller Zeiten“ bezeichnet werden, gleichzeitig aber auch als „das größte Staatsversagen aller Zeiten“, da die Politik regulatorisch eingreifen könnte. Sowohl die Wirtschaft als auch der Staat seien jedoch von der Bevölkerung legitimiert, die keine Einschränkung ihres Wohlstands hinnehmen wolle, also versage auch die Bevölkerung. 

Für die Transformationsresistenz macht Beckert grundlegend die „kulturelle Identität der kapitalistischen Moderne“ verantwortlich, die er in drei Aspekten beschreibt: Erstens die Instrumentalisierung und Ausbeutung der Natur (im Gegensatz zu vielen traditionellen Gesellschaften, die die Einheit von Mensch und Natur betonen), zweitens die Annahme eines stetigen Fortschritts anstatt eines zyklischen Denkens und drittens die Verbreitung individualistischer Handlungsnormen als Gegenentwurf zu den einengenden Normen kollektivistisch geprägter Gemeinschaften.

Diese Normen bewirken seiner Meinung nach auch, dass die Idee eines „grünen Wachstums“ deutlich mehr Resonanz besitzt als die eines Wachstumsverzichts. Doch trotz großer Bedeutung des technologischen Fortschritts könne dieser das Problem nicht ansatzweise lösen und sei das Vertrauen darauf „eine hochriskante Wette“. Um an der aktuellen Misere etwas zu ändern, „müsste etwas geschehen, was in den bestehenden Strukturen nicht geschehen kann: die Verringerung wirtschaftlicher Aktivitäten.“

Wie weiter? Diese Frage stellt Jens Beckert in seinem letzten Kapitel. Aktuell erscheint für ihn eine wirkliche Transformation aufgrund der bestehenden Strukturen nicht möglich. Insofern sieht er zunächst mehr Erfolge bei Klimaanpassungs- als bei Klimaschutzmaßnahmen, da erstere weniger mit der Wachstumsideologie kollidieren und dennoch den Boden für eine Transformationsbereitschaft bereiten können (da das Klima dabei zunehmend im Fokus steht). Gemeinwohldenken und mehr politische Steuerung müssen sich entwickeln. Lokalen Gemeinschaften und Initiativen misst er einen großen Wert bei, da Veränderungen häufig „aus dem sozialen Raum heraus“ erfolgen.

Absolut lesenswert ist das Buch von Jens Beckert, auch wenn es mehr analysiert als Lösungsansätze bietet. In der Haltung eines „nachdenklichen Realismus“ hilft es, die Kräfte in Wirtschaft und Politik, aber auch bei Bürgern und Konsumenten besser zu verstehen, die angemessene Reaktionen im Kampf gegen den Klimawandel verhindern. Und stellt dabei auch jeden von uns in Frage. Der Silberstreif am Horizont bleibt schwach – aber das ist vermutlich auch Teil seines Realismus.

Empfohlen von Jürgen Knieling

Longlist Deutscher Sachbuchpreis 2024
 


Bibliographie
Tipp
book_2
Verkaufte Zukunft
Jens Beckert
Verkaufte Zukunft
Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht
EAN: 978-3-518-58809-3
Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 'Warum sind Gesellschaften nicht in der Lage, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten? Das ist die Leitfrage dieses Buches.' Seit Jahrzehnten wissen wir um die Erderwärmung und ihre Gefährlichkeit. Dennoch nehmen die globalen Treibhausgasemissionen weiter zu. Offenbar gelingt es uns nicht, den Klimawandel zu stoppen. Wie lässt sich dieses Versagen erklären? Warum reagieren Gesellschaften so zögerlich auf diese Bedrohung? In seinem neuen Buch gibt Jens Beckert eine Antwort. Dass die erforderlichen Maßnahmen nicht ergriffen werden, liegt an der Beschaffenheit der Macht- und Anreizstrukturen für Unternehmen, Politiker, Wähler und Konsumenten. Die bittere Wahrheit ist: Wir verkaufen unsere Zukunft für die nächsten Quartalszahlen, das kommende Wahlergebnis und das heutige Vergnügen. Anhand von zahlreichen Beispielen und mit sozialwissenschaftlichem Besteck zeigt Beckert, warum es sich beim Klimawandel um ein 'tückisches' Problem handelt, an dem die sich seit 500 Jahren entwickelnde kapitalistische Moderne aufgrund ihrer institutionellen und kulturellen Strukturen fast zwangsläufig scheitern muss. Die Temperaturen werden also weiter steigen, die sozialen und politischen Auseinandersetzungen werden sich verschärfen. Anpassungsfähigkeit, Resilienz und vor allem solidarisches Handeln sind gefragt. Daraus ergeben sich Aufgaben für eine realistische Klimapolitik.

Lieferbar innerhalb 24 Stunden

28,00 €
Kategorie