Weißer Sommer

Es beginnt in Südfrankreich, zwischen Licht, Stein und Erinnerung: Théo entwirft den Grabstein von Almas kürzlich verstorbenem Großvater, und in dieser ersten Begegnung liegt bereits die leise Vorahnung dessen, was ihre Beziehung prägen wird – Nähe und Fremdheit zugleich. Alma, aufgewachsen in einem wohlhabenden, emotional distanzierten Elternhaus, trifft auf Théo, der bei seinem alleinerziehenden Vater Geborgenheit gefunden hat, während die Mutter nur als Abwesenheit existiert. Zwei Lebenswirklichkeiten, die sich berühren und doch nie ganz deckungsgleich werden.

Aus dieser Begegnung wächst eine Liebe, die sich tief in die Identitäten der beiden einschreibt. Alma malt, Théo arbeitet mit Stein – zwei Ausdrucksformen, die sich ergänzen, fast ineinander übergehen. Sie verlieben sich und gehen eine Beziehung ein, die lange unerschütterlich scheint. Doch was zunächst wie ein Versprechen wirkt, trägt bereits die Keime späterer Spannungen in sich.

Théos Umzug nach München markiert eine leise, aber entscheidende Verschiebung. Théo beginnt ein Architekturstudium, Alma entscheidet sich gegen die Kunst und für den Journalismus – nicht aus Überzeugung, sondern als Geste des Sich-Beweisen-Wollens gegenüber ihren Eltern. Sie leben in deren Wohnung, ein Umstand, der sich für Théo zunehmend wie ein Fremdkörper anfühlt. Was früher Hintergrundrauschen war, wird nun hörbar: die Unterschiede in Herkunft, Geld, Selbstverständnis. Während Alma nach Freiheit greift, nach Möglichkeiten und Bewegung, ringt Théo um Halt und Zugehörigkeit.

Eva Pramschüfer erzählt all das mit großer Zartheit. Ihr Roman ist kein lautes Drama, sondern ein Gewebe aus Stimmungen, Erinnerungen und leisen Verschiebungen. Die Zeit verläuft nicht linear, sondern in Wellen – Rückblenden, Gegenwart und Reflexion greifen ineinander wie Farbschichten auf einer Leinwand. Die Sprache ist dabei von einer stillen, fast schwebenden Poesie, durchzogen von Bildern.

„Weißer Sommer“ stellt keine einfachen Antworten bereit. Er bleibt bei der Frage, die Alma und Théo sich stellen: festhalten oder loslassen – und zeigt, wie schwer es ist, den richtigen Moment dafür zu erkennen. Ein stilles, poetisches Debüt, das weniger erzählt als nachklingen lässt. Wer sich auf seine ruhige, bildhafte Sprache einlässt, wird mit einer fein beobachteten, melancholischen Liebesgeschichte belohnt.

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