Vom Himmel die Sterne
Führen Frauen anders? Besser? Empathischer und verantwortungsvoller? Mit diesen Fragen spielt Jeannette Walls in ihrem neuen Roman 'Vom Himmel die Sterne',der in den 1920-er Jahren in den USA spielt. Genauer gesagt in Caywood, einem verschlafenen Nest in Claiborne County, Virginia, mit seinen eigenen Regeln, vor allem Whiskey. Viel Whiskey, der von Kincaid Holding vertickt wird. Zunächst vom Duke und nun von Sallie, einer seiner Töchter. Aus ihrer Perspektive lesen wir vom Erleben der Familie, nahen und fernen Angehörigen, Beratern und Gegnern. Die gesellschaftlichen Eckpunkte des Romans bilden das in den 1920-er Jahren erlassene Prohibitionsgesetz sowie das in der Verfassung verbriefte Recht zur persönlichen Verteidigung mit Waffen. Denn auch Sallie, obwohl weiblich und jung, verzichtet nicht darauf.
"Ich habe noch nie im Leben mit irgendwem Streit angefangen", sage ich. "Aber wenn jemand mich angreift, gebe ich nicht klein bei." (S. 349)
Obwohl sie weiß, dass weder sie noch ihre Familie immer auf der Seite des Rechts standen, redet sie sich ein, es bei der Fehde gegen die Bonds, einer Whiskey brennenden Familie zu sein.
"Diese Jungs hegen ihren Groll wie ein Stück Kautabak, das sie zwischen Wange und Zähnen verstauen, es dann wieder hervorholen und weiter drauf herumkauen, um noch ein bisschen mehr Geschmack herauszupressen, ehe sie es wieder wegpacken, aber sie spucken es niemals aus." (S. 342)
Deshalb werden Fehden von Generation zu Generation weitergegeben, ebenso wie die Geschichten, die in den Familien erzählt werden - einschließlich derer, die nicht erzählt werden. Aufgrund ihrer Biographie und ihres Temperaments geht Sallie keck und kühn zugleich damit um und ist - zur Überraschung aller - sogar zu Verhandlungen bereit. Was sie jedoch tatsächlich zur liebenswerten Antiheldin macht, ist ihre Menschlichkeit, die sie Personen und Situationen immer wieder neu bewerten lässt.
Geschickt verwebt Jeannette Walls ihren vordergründig leichtfüßig erzählten Roman mit gesellschaftlichen Fragen von politischer Relevanz. Der kann nämlich auch als Blaupause der Ära Trump und seiner Anhänger:innen gelesen werden. Ich bin nicht sicher, auf welcher Seite Sallie heute stünde.
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