Toxibaby

Die Autorin eines autofiktionalen Romans, in dem sich keine Handlung entfaltet, dafür aber umso genauer das Seelenleben zweier "mittelschwer gestörter" Personen beschrieben wird, verkündet:

Der neue Roman war Schrott, denn wie sollte ein halbautobiografischer Roman, in dem nichts passiert und der nur von Psychopathen handelt, kein Schrott sein, aber meine Agentur hatte 160.000 Euro Vorschuss ausgehandelt (…)

Zitat Seite 109

Ja, da drängt sich der Verdacht auf, dass wir genau diesen Roman gerade in der Hand haben. Aber Vorsicht! Das alles ist ja nur halbautobiografisch. Toll an „Toxibaby“ ist, dass wir immer ahnen: Die Hälfte ist vermutlich wahr – nur wissen wir nie, welche…

Was auch toll ist am neuen Buch der jüdischen Münchener Autorin Dana von Suffrin: Hier hat jemand keinerlei Scheu, krasse Dinge zu äußern, und dies so aktuell wie zynisch und witzig:

Die Schuld ist eine jüdische Krankheit, ich traue mich nur nicht so recht, das meiner Therapeutin zu sagen. Die Juden fühlen sich schuldig, weil sie sich haben umbringen lassen oder weil sie überlebt haben, sie fühlen sich schuldig, wenn sie in der Diaspora leben und ihre Kinder geschubst werden und sie sich alle drei Generationen wie Stubenfliegen erschlagen lassen, sie fühlen sich natürlich auch schuldig, wenn sie in Israel leben, sich alle paar Jahre ein Gewehr umhängen, um die jugendlich unbekümmerten, angriffslustigen Nachbarstaaten zu massakrieren (…)

Zitat Seite 172f

Herzchen Goldberg (Münchener Schriftstellerin, Jüdin) und Toxi (Münchener Salonsozialist, meist arbeitslos) lieben sich seit Jahren. Aber Ihre Unterhaltungen laufen z. B. so:

(..) und er sagte, er hasse den Tod, er wolle damit nichts zu tun haben, und ich sagte, typisch Christen, ihr habt leider gar keine Routine mehr darin, umgebracht zu werden, und er antwortete, dass er in dieser Hinsicht aber eher von Spinoza beeinflusst sei (…)

Zitat Seite 43f

Die Liebe zwischen den beiden Protagonist*innen taumelt permanent zwischen Katastrophe und Verzeihen. Sie können weder miteinander noch ohneeinander, woraus Dana von Suffrin reihenweise wundervoll tragikomische Szenen entwickelt, und das in unangestrengtem, souveränen Sprachstil. Flauschig und federleicht liest sich „Toxibaby“ aber keineswegs: Denn wie oben erwähnt - die Hälfte dieser Anti-Liebesgeschichte dürfte wahr sein.

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