Moosland

1949 war Island einer der ärmsten Staaten Westeuropas. Mit dem Abzug der amerikanischen Truppen verließen viele junge Männer und Frauen die Insel, weshalb aller Orten Arbeitskräfte fehlten. Deshalb warb die Bauernpartei in Norddeutschland junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren an, die bereit waren, für mindestens ein Jahr nach Island zu kommen. Die Aktion war nicht unumstritten, denn viele Isländer:innen hatten Angst, sich Nationalsozialistinnen ins Land zu holen.

Eine von diesen 300 Frauen, die so ins Land kamen, ist (die fiktive) Elsa. Physisch hat sie den Krieg überlebt, psychisch nicht. Ihr Herz starb in den Fluren eines Krankenhauses, das sie zu zweit betrat und allein verließ. Dieses Trauma trägt sie mit sich herum und wird behutsam in flashbackartigen Rückblenden erzählt. Dennoch lässt sie sich von Gerda überreden, nach Island zu fahren. Denn nirgendwo kann es so schlimm sein wie in Deutschland.

Aus einer beobachtenden Perspektive erzählt Kathrin Zipse das Ankommen Elsas auf der Insel. Sie kommt auf einen Hof, auf dem ein Bauer mit seiner Frau, den beiden erwachsenen Söhnen und einem Knecht lebt. Die nächste Siedlung ist etwa eine Stunde entfernt. Infolge ihrer persönlichen Teilnahmslosigkeit, ohne Kenntnis von Sprache und Kultur, fällt Elsa die Integration schwer.

Das Leben auf dem Hof ist ihr fremd. Die Bräuche auch. Die Bäuerin ist geduldig und bemüht sich um sie, der Bauer lässt sie in Ruhe. Der jüngere der beiden Söhne sucht ihre Nähe, der ältere ist zurückhaltend, aber fürsorglich. Kommuniziert wird mit Blicken und Gesten. Versuche, die Sprache zu lernen, unternimmt Elsa nicht. Wenn überhaupt, dann nur mit dem Knecht, der sie vom Schiff abgeholt und zur Familie gebracht hat. Sie fragt sich selbst, ob sie sich überhaupt integrieren will.

Noch immer fühlt sie sich, als wäre sie in die Landschaft gestanzt, ohne jeden Bezug zu ihr. Alles bleibt ihr fremd. Die baumlose Ebene und die salzige Luft, der immerwährende Wind und der Sommer, der so nass und kalt ist, dass er an keinen ihrer Sommer erinnert. Und sogar die Sonne, die über Stunden hinter dem Felsplateau sinkt und wieder aufsteigt, ohne jemals unterzugehen, und die spitzen, vereinzelten Schreie der Vögel.
In der grenzenlosen Weite ist sie orientierungslos. An was sich ihr Auge festhalten will, wird vom Nebel verschluckt oder vom gleißenden Licht. Selbst die Zeit.

Zitat Seite 53

Neben dem Metathema – Integration traumatisierter Menschen – bezieht die Autorin die Landschaft und das bäuerliche Leben zur damaligen Zeit in die Handlung mit ein. Und die Geschichte der Familie erzählt sie auch ...

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