Mathilde und Marie

Marie ist Mitte zwanzig und Single. Im Wortsinn, denn sie hat weder Familie noch Partner:in. Um ihr Appartement und ihr Studium in Paris finanzieren zu können, benötigt sie zwei Jobs. Das zehrt an ihr, weshalb sie in einer Kurzschlussreaktion Paris den Rücken kehrt und in den Zug steigt. Hauptsache weg, Hauptsache irgendwo hin, wo sie ihre Ruhe hat. Ohne Plan und konkretes Ziel ist sie offen für das Angebot, das ihr eine Reisebekanntschaft im Zug macht: Redu, ein Bücherdorf in den Ardennen, das es tatsächlich gibt.

In Redu ist vieles anders. Die Kirchturmuhr geht falsch, Internet gibt es täglich nur eine Stunde, obendrein ist der Ort überaltert. Eine junge Frau wie Marie fällt auf. Auffallend ist auch der Umgang der Dorfbewohner:innen miteinander. Begriffe wie Achtsamkeit, Wertschätzung oder Fürsorge und Nachbarschaftshilfe sind keine Worthülsen, sondern Fundament ihres Zusammenlebens.

Umso erstaunlicher ist daher, dass Mathilde sich dem vehement entzieht. Sie lebt schon lange in Redu. Zuflucht bietet ihr der nahegelegene Wald, der sie zu jeder Jahreszeit lockt. Dort lernen sich die beiden Frauen kennen. Obwohl Mathilde fast dreimal so alt wie Marie ist, tragen beide eine vergleichbare Erfahrung in ihrem mentalen Gepäck. Zwischen ihnen entsteht eine Verbundenheit, die auch den anderen Dorfbewohner:innen nicht verborgen bleibt.

Wer Sinnsprüche und cosy Bücher über Bücher liebt, wird die Atmosphäre von 'Mathilde und Marie' lieben. Der Roman beinhaltet eine Menge davon: Gedanken und Gespräche über Sinnfragen, die mühelos zitiert werden können.

»Ein erfülltes Leben lässt sich nicht an Reißbrett planen. Und die Rückkehr ist ein natürlicher Teil des Reisens.«

Zitat Seite 60

Das Bücherdorf an sich, der wertschätzende Umgang mit Büchern, auch antiquarischen, die Fragen nach Rentabilität und Auskommen im Buchhandel. Die Natur als Ressource, die Zubereitung von Nahrungsmitteln und die Entfremdung vieler Menschen vom einen wie vom andern. Die Übernahme von Verantwortung für Menschen, Tiere, Dinge und der wertschätzende Umgang mit ihnen. Das sind Themen, die viele Menschen - auch außerhalb der Buchbranche - bewegen und sich im Roman finden.

'Mathilde und Marie' will zur Ruhe kommen lassen, berühren und Gedankenanstöße vermitteln. Das gelingt dem Roman ausgezeichnet. Für individuelle Veränderungen bis hin zu kollektiven Lösungen sind die Lesenden zuständig, wenn sie bereit sind, sich wie 'Mathilde und Marie' auf Neues einzulassen. Denn nur dann sind sie so nachhaltig wie im Buch.

Empfohlen von Barbara


Bibliographie
Kategorie