Ich komme nicht zurück

Ende der Achtzigerjahre ist das Ruhrgebiet ein Ort im Umbruch. Die Zechen verschwinden langsam, die Siedlungen bleiben – und mit ihnen die Menschen, die dort aufwachsen. In genau so einer Umgebung lernen sich Hanna, Zeyna und Cem kennen. Drei Kinder, die schnell mehr werden als nur Freund:innen. Sie sind eine Wahlfamilie, in der es keine Rolle spielt, woher man kommt. Wichtig ist nur, dass man zusammengehört.

Diese Anfangszeit wirkt leicht, fast selbstverständlich: das Zusammensein, die Nähe, das Vertrauen. Doch je älter die drei werden, desto mehr schieben sich Unterschiede in den Vordergrund. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Dinge, die früher egal waren, bekommen Gewicht: Spätestens mit dem 11. September 2001 kippt etwas Grundsätzliches. Die Welt draußen verändert sich – und plötzlich wirkt sich das auch auf das Innere dieser Freundschaft aus. Herkunft, Identität, Zugehörigkeit: all das wird auf einmal verhandelt, ob die Hanna, Zeyna und Cem wollen oder nicht. Die Risse, die sich vorher nur angedeutet haben, werden tiefer. Und irgendwann steht da ein Bruch, der sich nicht mehr übersehen lässt.

Im Mittelpunkt steht Hanna, die Jahre später in die Wohnung ihrer Großeltern zurückkehrt. Vieles ist vertraut, aber nichts fühlt sich mehr wirklich belebt an. Die Stadt wirkt still, fast leer. Cem ist noch da, verlässlich wie immer. Zeyna dagegen fehlt – und mit ihr ein Teil von Hannas Leben, der sich nicht einfach ersetzen lässt.

Aus dieser Perspektive heraus erzählt der Roman: suchend, rückblickend. Hanna versucht zu verstehen, was damals passiert ist, warum Zeyna nicht mehr mit ihr sprechen möchte. Aber Erinnerungen sind keine festen Größen. Sie verschieben sich, werden lückenhaft, widersprüchlich. Genau darin liegt eine große Stärke des Buches – es tut nicht so, als ließe sich die Vergangenheit klar ordnen.

Sprachlich ist der Roman sehr zugänglich, aber trotzdem dicht. Khayat schreibt direkt, ohne kühl zu sein, und poetisch, ohne sich darin zu verlieren. Oft sind es kleine Beobachtungen, die hängen bleiben: ein Moment zwischen zwei Sätzen, ein Blick, der mehr sagt als Worte. Viel passiert zwischen den Zeilen. Auch der Ort spielt eine wichtige Rolle. Das Ruhrgebiet ist hier nicht nur Hintergrund, sondern Teil der Geschichte. Die Straßen, die Wohnungen, diese leicht raue Atmosphäre – all das prägt die Figuren und ihre Beziehungen. Man merkt, dass Erinnerungen oft an Orte gebunden sind.

Im Kern geht es um Freundschaft – aber eben nicht in ihrer idealisierten Form, sondern in ihrer verletzlichen. Darum, wie sie sich verändert, unter Druck gerät und manchmal auch zerbricht. Und um die Frage, was bleibt, wenn genau das passiert.

Die Suche nach Zeyna wird für Hanna deshalb auch zu einer Suche nach sich selbst. Nicht laut oder dramatisch, sondern eher leise und tastend. Und gerade das macht den Roman so überzeugend: Er erklärt nicht alles, sondern lässt Raum für das, was sich nicht eindeutig auflösen lässt.

Empfohlen von Lea


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