Evil Eye
Etaf Rum legt mit Evil Eye einen tiefgründigen, eindringlichen Roman vor, der die komplexe Realität palästinensisch-amerikanischer Identität mit schonungsloser Ehrlichkeit beleuchtet. Im Zentrum der Geschichte steht Yara, eine junge Frau, die auf den ersten Blick ein gelungenes, selbstbestimmtes Leben führt: ein guter Job, eine eigene Familie, weit entfernt von der strengen Erziehung ihrer Kindheit im konservativen palästinensischen Elternhaus in Brooklyn. Doch ein Konflikt mit einer rassistischen Kollegin wirft sie aus der Bahn – und bringt etwas in Bewegung, das viel tiefer geht als bloß ein beruflicher Rückschlag.
Die Behauptung ihrer Mutter, Yaras Unglück sei die Folge eines alten Familienfluchs, wirkt zunächst wie ein Ausdruck kultureller Rückständigkeit. Doch je mehr Yara sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, desto deutlicher wird: Der „Fluch“ könnte auch ein Symbol für generationsübergreifende Traumata, unausgesprochene Erwartungen und die bleibenden Spuren patriarchaler Strukturen sein. Rum erzählt mit großer Sensibilität, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Welten zu leben – und in keiner wirklich zu Hause zu sein. Yaras innere Zerrissenheit, ihr Bedürfnis nach Freiheit und Zugehörigkeit, und die Wut über die Ungerechtigkeiten, die sie erlebt, machen sie zu einer vielschichtigen, glaubwürdigen Figur.
Besonders eindrucksvoll ist die Sprache, mit der Rum die emotionale Tiefe ihrer Protagonistin zum Ausdruck bringt. Evil Eye ist kein lautes Buch, aber ein intensives – es lebt von der inneren Spannung, von der Reibung zwischen Herkunft und Selbstentwurf, zwischen kultureller Verwurzelung und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung. Die Frage, was ein „erfülltes Leben“ wirklich ausmacht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.
Evil Eye ist mehr als nur eine Geschichte über kulturelle Identität – es ist ein Roman über das Menschsein, über Schuld und Befreiung, über die Kraft des Erinnerns und die Schwierigkeit, sich selbst treu zu bleiben. Etaf Rum gelingt es, die leisen, oft unbeachteten Kämpfe einer Frau sichtbar zu machen, die versucht, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien, ohne dabei ihre Wurzeln zu verleugnen. Ein eindrucksvolles, kluges und wichtiges Buch.
Empfohlen von Lea